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25.06.2012

Ein Lehrer mit Herzblut

Klaus Rhinow verlässt nach 37 Jahren die Ziehenschule. 37 Jahre war Klaus Rhinow Mathe- und Physiklehrer an der Ziehenschule. Kommende Woche verlässt er den Ort, an dem er sein ganzes Arbeitsleben verbracht hat, mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Bei einem Rundgang durch seine Wirkungsstätte blickt er zurück.

Klaus Rhinow (65) empfängt Besucher gerne vor Raum 105. Es ist das Lehrerzimmer der Ziehenschule im Verwaltungstrakt des Gymnasiums im ersten Stock. "Das ist unsere Oase der Ruhe im stressigen Schulalltag", sagt er schmunzelnd. Der Mathe- und Physiklehrer erscheint auf den ersten Blick als sportlicher Kumpeltyp. Sein dezentes hellblaues Hemd trägt er lässig über der Jeans. Die grauen Haare stehen in einem borstigen Kurzhaarschnitt nach oben, und sein Händedruck bei der Begrüßung ist kurz und fest.

Länger gearbeitet

Rhinow ist seit 37 Jahren Lehrer an der Ziehenschule. In einer Woche wird er pensioniert. "Mit der Zeit, die ich zuvor in der Offizierslaufbahn bei der Luftwaffe verbracht habe, bin ich insgesamt seit 40 Jahren im öffentlichen Dienst gewesen. Mein ganzes Lehrerleben habe ich an dieser Schule verbracht", erzählt er, und ein bisschen Stolz darüber klingt in seiner Stimme mit. Viele seiner Kollegen gehen schon in Pension, bevor sie 65 sind und wechseln im Laufe ihres Arbeitslebens auch die Schule. Rhinow hingegen hat durch das neue Rentengesetz sogar ein halbes Jahr länger gearbeitet und "seine" Ziehenschule nie verlassen. Er hängt zu sehr daran. Mit dem Herzen.

Auf dem Weg durch die mit Bildern geschmückten Gänge erzählt er, dass seine Fächerkombination heute unter jungen Kollegen rar gesät sei. "Zu meiner Zeit war es üblich, Mathe mit Physik zu kombinieren. Ich habe Mathe auf Diplom studiert und Physik als Zweitfach belegt. Das war ganz selbstverständlich, aber heute sucht man überall verzweifelt nach Lehrern mit diesen Fächern", sagt er, während er die Treppe hinunterläuft.

Rhinow ist als Quereinsteiger zum Lehrerberuf gekommen, denn damals war es schwierig, an der Hochschule eine Anstellung zu bekommen. "Ein Freund hat mir abgeraten, an der Universität zu bleiben, und ich selbst habe gemerkt, dass ich gut mit Menschen umgehen kann und das auch gerne mache. Der Lehrerberuf war die ideale Möglichkeit, das Wissenschaftliche mit dem Menschlichen zu verbinden", begründet er seine Berufswahl, mit der er heute noch glücklich ist.

Rhinow öffnet die Tür zum Physiksaal. Es bietet sich das klassische Bild eines naturwissenschaftlichen Fachraumes. Zur Tafel hin schräg abfallend, stehen Stuhlreihen aus Holz, bei denen man die Sitze herunterklappen muss. Ein im Boden befestigtes Pult mit Stromanschlüssen steht davor. Der Physiklehrer rollt einen Versuchsaufbau aus dem Hinterzimmer. "Das ist der letzte Tischaufbau meines Lebens. Damit werde ich einer siebten Klasse morgen eine Einführung in die Elektrizitätslehre geben. Sie sollen eine Glühbirne zum Leuchten bringen", erklärt er. Vielen Schülergenerationen hat er dieses Experiment schon gezeigt. "Gerade bei meinen Fächern kommt es viel auf den Lehrer an und wie er seinen Unterricht gestaltet. Man muss die Schüler motivieren und mit Herzblut zu hundert Prozent bei der Sache sein", sagt er, denn heute seien Schüler durch das veränderte Autoritätsverständnis viel lebhafter und weniger selbstdiszipliniert als früher. Als Lehrer sei man da in jeder Minute gefordert.

Auf dem Schulhof bleibt Rhinow stehen und zeigt auf ein großes Wandbild an der Außenfassade der Schule, auf dem surreale Ritter mit ihren Pferden zu sehen sind. "Das haben Schüler vor bestimmt 20 Jahren gemacht, und bis auf eine Schmiererei ist es seitdem völlig unbeschädigt geblieben." Eine flache Treppe führt schließlich zum neuen Anbau der Schule. "Als ich anfing, an der Ziehenschule zu arbeiten, standen hier Holzbaracken, die als provisorische Unterkünfte gedacht waren. Darin war damals mein erstes Klassenzimmer. Der Neubau, der versprochen wurde, ist erst vor kurzem fertiggestellt worden." Es ist ein modernes, in dunklem Rot gestrichenes Passivhaus, das eine Mensa und Räume für die Oberstufe bietet. Dass er es selbst kaum mehr nutzen konnte, ärgert Rhinow nicht. "Ich habe gerne in den Hütten unterrichtet. Sie waren geräumig und gut ausgestattet. Erst vor einigen Jahren mussten sie abgerissen werden, weil das Holz gefault war", sagt er.

Ganze Bandbreite

Während er noch erzählt, wird er aufgehalten. Ein ehemaliger Schüler kommt über den Hof. Er möchte ein Zeugnis abholen und freut sich, seinen früheren Lehrer zufällig zu treffen. "Von der fünften bis zur siebten Klasse hatte ich Daniel in Mathe. Im Leistungskurs habe ich ihn dann wiedergetroffen. Ich habe immer gern die ganze Bandbreite unterrichtet und war Lehrer in den unteren wie oberen Klassen", erzählt Rhinow und wünscht seinem ehemaligen Schützling viel Erfolg für die Zukunft.

Trotz seiner oft unbeliebten Fächer ist er ein Lehrer, der von seinen Schülern gemocht wird. Die Schüler seines letzten Mathekurses haben ihn sogar gebeten, sie trotz der Pensionierung bis zum Abitur noch zu begleiten. "Ich habe natürlich ja gesagt. Mir würde es auch nicht gut tun, von heute auf morgen hier ganz aufzuhören", freut er sich über das Vertrauen seiner Schüler. Nach den Sommerferien bleibt er der Ziehenschule so auch im Ruhestand zunächst noch vier Schulstunden in der Woche erhalten.



Artikel Frankfurter Neue Presse vom 23. Juni 2012, Von Carina Berg

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