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03.01.2015

Die Geschichte des Batschkapp-Hauses

Wohl Mitte Januar wird das ehemalige Batschkapp-Haus platt gemacht. Grund genug, mal etwas zu graben, nicht im Erdreich, sondern in der Geschichte. Es geht um die Frage, was vor 1976 war – dem Jahr, als im sonst eher beschaulichen Eschersheim ein Musikclub heimisch wurde.

Voraussichtlich Mitte Januar wird ein Stück Frankfurter Kulturgeschichte unter Trümmern und Schutt verschwinden: Dann nämlich reißen Arbeiter das Gebäude ab, in dem jahrzehntelang die Batschkapp und die Musikkneipe Elfer beheimatet waren. Die ABG Frankfurt Holding will auf dem Grundstück am Rande der Bahntrasse Wohnungen errichten.

Grund genug also, mal etwas zu graben, nicht im Erdreich, in der Geschichte. Es geht um die Frage, was vor 1976 war – dem Jahr, als im sonst eher beschaulichen Eschersheim ein Musikclub heimisch wurde, der für seine deftigen Rockkonzerte, für ausgelassene Feiern und nicht zuletzt für seine linke politische Ausrichtung bekannt war.

In Gesprächen mit Stadtteilhistorikern und beim Stöbern in alten Aufzeichnungen zeigt sich: Gefeiert wurde zwischen Maybachstraße und Bahntrasse in Eschersheim eigentlich schon immer. Bereits um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. war im Gebäude der späteren Batschkapp die „Wirtschaft am Bahnhof“ von Georg Müller mit eigener Apfelweinkelterei und Biergarten zu finden. Dort befand sich um 1910 ein großer holzvertäfelter Fest- und Speisesaal – in dem sicher auch viele ihren Durst löschten.

Wo später der Eingangsbereich zur Batschkapp eingerichtet war, stand 1910 noch ein kleines Bahnhofsgebäude, das aber, als weiter westlich ein Neubau aus dem Boden wuchs, abgerissen wurde. Der Bahnübergang zwischen Weißer Stein und Alt-Eschersheim, wo Passanten heute eine Fußgängerbrücke überqueren müssen, war damals noch ebenerdig. Lediglich eine keine Schranke und ein Jägerzaun trennten den Stadtteil an dieser Stelle. Und dort, wo heute die Gaststätte Drosselbart zu finden ist, endete damals die Dampfstraßenbahn.





Eine besondere Ehre wurde der „Wirtschaft am Bahnhof“ und ihrem Besitzer zuteil, als sich der damalige Fuldaer Bischof Joseph Damian Schmitt dazu entschied, angesichts der Weihe der neu errichteten St. Josefskirche die Versammlung im Festsaal durch seine Anwesenheit zu beglücken – das erzählt Klaus Gülden, der viel über Eschersheim und seinen Heimat-Stadtteil Heddernheim zu berichten weiß.

Lebendige Erinnerungen hat Gülden noch an die Jahre ab 1949, als in den verwaisten Festsaal, der zwischendurch als Operetten-Theater genutzt worden war, das Metropol-Filmtheater einzog. Dieses Kino war es, weshalb es Gülden in den frühen Fünfzigern so oft über die Nidda nach Eschersheim verschlug. Im Metropol liefen die neuesten Wildweststreifen, die spannenden Cowboy- und Seeräuberfilme.

Sonntags war das und für Jungs und Mädchen kostete der Eintritt 50 Pfennig. Zum Vergleich: Die Facharbeiter, die damals bei Güldens Onkel Willy in Heddernheim als Metalldreher arbeiteten, verdienten 1,43 Mark die Stunde – in etwa dasselbe also, was Erwachsene im Metropol hinblättern mussten.

„Das Kino hat für uns Kinder und für die Jugendlichen eine sehr große Rolle gespielt“, erinnert sich Gülden an die schönen Nachmittage im Metropol. Die Lichtspiele waren Ablenkung und Fernglas in die weite, zunehmend US-amerikanische Welt, zugleich. Während ein Großteil Frankfurts noch in Trümmern lag, fieberte man in der Maybachstraße gebannt den Abenteuern Errol Flynns entgegen.

Fernsehen bringt Aus für Kino

Doch dann kam das Fernsehen und somit auch das Ende von Stadtteilkinos wie dem Metropol. 1965 schloss das zuletzt 400 Menschen fassende Lichtspielhaus seine Pforten. Rund zehn Jahre später zog dann mit der Batschkapp das Kulturzentrum der Frankfurter Sponti-Bewegung ein.

War das Haus in der Maybachstraße 24 also schon immer ein Hort glücklich feiernder Menschen? Nicht ganz: In einem Verzeichnis des Internationalen Roten Kreuzes, das Gülden gesichtet hat, ist der Festsaal der „Wirtschaft am Bahnhof“ als gemeinschaftliche Schlafstätte für etwa hundert Zwangsarbeiter eingetragen. In den Jahren 1940 bis 1945 wurde der Saal demnach in dieser Funktion genutzt. Die Arbeiter mussten mit dem gekachelten Boden des Saales als Schlaf- und Ruhestätte vorlieb nehmen.

Die Unterbringung von Zwangsarbeitern in Gaststätten war in Frankfurt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs üblich: Wie Lutz Becht vom Institut für Stadtgeschichte zum Thema schreibt, wurde damals „jede nur erdenkliche Möglichkeit für die Unterbringung genutzt“. Neben Schulen, Wirtshäusern und Turnhallen – etwa in der Ginnheimer Woogstraße – rückten als solche Möglichkeiten auch Liegenschaften in den Blick, deren ehemalige jüdischen Besitzer ausgewandert waren – oder deportiert.

Artikel Frankfurter Rundschau vom 03.01.2015. Von Fabian Scheuermann

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