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11.05.2016

Das erste Haus aus Strohballen

Früher lag das Stroh in der Scheune, nun kommt es zum Dämmen in die Wand: Eine Baugemeinschaft modernisiert einen ehemaligen Bauernhof zu Frankfurts erstem Strohballenhaus. Auf 600 Quadratmetern entsteht dort innovative und umweltschonende Wohnfläche.

Unkonventionell sei die Idee schon, jedenfalls für deutsche Verhältnisse, sagt die Architektin Stefanie Rook – neu aber ganz und gar nicht: „Das Prinzip funktioniert seit vielen Jahrzehnten.“ In holzarmen Gegenden der USA habe man Stroh bereits im späten 19. Jahrhundert zum Dämmen der Wände genutzt. Und weil das Prinzip besonders umweltschonend sei, in Zeiten des Klimawandels demnach höchst innovativ, erhalte nun eben Frankfurt sein erstes Strohballenhaus, und zwar in einem über 130 Jahre alten Bauernhof samt Scheune in der Eschersheimer Landstraße 572a.

Mit dem Ehepaar Klaudia und Holger Adler bilden Stefanie Rook und ihr Gatte Hans-Dieter eine Baugemeinschaft, um zusammen den Traum von den eigenen vier Wänden zu verwirklichen. Beide Familien wollen allerdings keine gewöhnliche Eigentumswohnung, sondern etwas besonders Nachhaltiges. „Für uns spielen die ökologische Verantwortung und der gesundheitliche Aspekt eine große Rolle“, betont Klaudia Adler. Und Holger Adler fügt an: „Man muss heutzutage die Frage stellen, wie wir in Zukunft leben wollen.“ Üblicherweise verwendetes Dämmmaterial aus Styropor bestehe aus fossilen und damit endlichen Brennstoffen, die zudem viele Schadstoffe bei Herstellung und Nutzung freisetzten.



350 000 Häuser möglich

Stroh hingegen, so Stefanie Rook, lasse sich einfach anbauen, wobei schon die jährlichen Abfälle der Landwirtschaft reichen würden, um 350 000 Einfamilienhäuser zu dämmen. Davon abgesehen binde Stroh CO2-Emissionen und lasse sich nach der Verwendung rückstandslos in den biologischen Kreislauf zurückführen: „Stroh ist recyclingfähig. Es kann zu Dünger und wieder zu neuem Stroh werden.“ Ähnliches gelte auch für Holz, das man zwischen knapp 750 gepressten Strohballen als Ständer und Wandoberfläche verwende sowie als Heizmaterial für die Holzvergaseröfen. Weil zudem eine Solaranlage auf dem Dach für warmes Wasser sorge, rechnet Rook mit einem jährlichen Heizwärmebedarf von 25 Kilowattstunden pro Quadratmeter. „Das entspricht etwa dem Preis einer Tasse Cappuccino pro Tag. Wir erreichen damit den Passivhausstandard für die Altbaumodernisierung“, so Rook.

Entscheidend für letzteres sei dabei auch das Aufbringen eines Lehmputzes auf die Strohwände. „Der Lehm kann Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben. Wir werden nie zu trockene Luft und auch im Badezimmer nie beschlagene Spiegel haben“, erklärt die Architektin: „Das Haus ist diffusionsoffen und atmungsaktiv wie eine Gore-Tex-Jacke.“ Im Sommer speichere das Haus „wie eine Thermoskanne“ die innere Kühle, im Winter die Wärme. Eine Lüftungsanlage gewährleiste zudem stets den Luftaustausch, was für ein angenehmes Raumklima sorge. „Das macht einen großen Teil der Lebensqualität aus.“

200 Quadratmeter Fläche

Eine weitere Steigerung der Lebensqualität versprechen sich die beiden Familien, die jeweils eine 200 Quadratmeter große Etage beziehen werden, obendrein von einem Dachgarten, der den Gemüseanbau mit Blick auf den Feldberg ermöglicht. Ein zusätzlicher Garten und ein Hof halten dann weitere gemeinsam nutzbare Flächen bereit, von denen auch die Mieter zweier 100-Quadratmeter-Wohnungen im obersten Stockwerk profitieren sollen. Angesichts der vielen Vorteile der Strohballen-Bautechnik erscheint es angebracht, nach einem Haken zu suchen – diesen zu finden, ist jedoch schwer. „Mäuse gehen nicht an das Stroh, weil sie keine Ähren mehr finden“, berichtet etwa Stefanie Rook. Die Feuerfestigkeit der Stroh-Lehm-Wände sei indes ebenso nachgewiesen wie bei anderen offiziell zugelassenen Dämmmaterialien. Und die Kosten seien eher niedriger als bei herkömmlicher Bauweise. „Die Herstellungskosten werden sich wohl auf 3400 Euro pro Quadratmeter einpendeln“, so Rook, die daher von Mietern nicht mehr als die örtliche Vergleichsmiete fordern wird. Das einzige Problem könnte ein möglicher Wasserschaden mit sich bringen, weil sich das Stroh dann vollsaugt und ausgetauscht werden muss. Passiere dies nicht, erläutert Rook, könne das Stroh auch 100 Jahre oder länger in der Wand bleiben. Dass die Technik nicht bereits bekannter sei, erklärt sie sich schlicht über die Gewöhnung an die Tradition der Massivbauweise. „In Deutschland gibt es rund 150 Strohballenhäuser. In Frankreich schon über 9000.“

Artikel Frankfurter Neue Presse, vom 18.05.2016.

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